ERIC Digest 125 - April 1999


Unentschuldigtes Fernbleiben der Schüler vom Unterricht
By Jay DeKalb

Unentschuldigtes Fernbleiben vom Unterricht wurde als eines der zehn Hauptprobleme der Schulen dieses Landes bezeichnet, welches die Zukunft unserer Jugend negativ beeinflußt. In der Tat haben Abwesenheitsraten in manchen Städten die Marke von 30 Prozent erreicht. Die Statistiken sprechen für sich:

In New York City bleiben ungefähr 150.000 der 1.000.000 Schüler täglich dem Unterricht fern. Schulbeamte sind sich nicht sicher, wie hoch der legitim entschuldbare Anteil dieser Abwesenheiten ist.
Der Los Angeles Unified Schulbezirk berichtet, daß 10 Prozent seiner Schüler täglich abwesend sind. Nur knapp die Hälfte dieser Schüler legt geschriebene Entschuldigungen vor.
Detroit’s vierzig Anwesenheitsbeauftragte für öffentliche Schulen untersuchten im 1994-95 Schuljahr 66.440 Abwesenheitsbeschwerden (Ingersoll und LeBoeuf 1997).
Diese Abhandlung untersucht einige Aspekte der Beeinflussung von Einzelpersonen und der Gesellschaft durch das unentschuldigte Fernbleiben vom Unterricht und identifiziert Umstände, die dafür verantwortlich sein könnten, daß Schüler die Schule schwänzen. Richtlinien für die Erstellung wirksamer Anwesenheitspolitiken werden betrachtet und verschiedene Lösungsansätze zu diesem Problem werden mit dem Ziel erläutert, es für die Bezirke einfacher zu machen, für sie funktionierende Anwesenheitspolitiken einzuführen.

Welches sind die Konsequenzen der Nichtteilnahme am Unterricht?
Nichtteilnahme am Unterricht ist ein Problem, das weit über die Schule hinausgeht. Es hat Auswirkungen auf Schüler, Familie und Gesellschaft.

Das Los Angeles County Office of Education beschreibt Schulabwesenheit als den verläßlichsten Vorboten von Jugendkriminalität. Polizeireviere des ganzen Landes berichten, daß viele Schüler, die während der regulären Unterrichtszeiten nicht in der Schule sind, Verbrechen wie Vandalismus, Ladendiebstahl und Graffiti begehen. Als Beamte von Van Nuys, Kalifornien, für drei Wochen die Straßen nach Schulschwänzern durchkämmten, gingen die Verhaftungen auf Grund von Ladendiebstahl um 60 Prozent zurück (Garry 1996).

Dauerhafte Abwesenheit wirkt sich nachteilig aus auf schulische Leistungen, Förderungsmaßnahmen, Schulabschluß, Selbstachtung und Berufsaussichten. Es ist leicht einsehbar, daß Schüler, die Unterricht versäumen, hinter den Leistungen ihrer Klassenkameraden zurückbleiben. Das widerrum führt zu geringer Selbstachtung und erhöht die Wahrscheinlichkeit, daß gefährdete Schüler komplett aufhören, die Schule zu besuchen.

In einer Studie über schwarz-amerikanische Männer haben Robins und Ratcliff (1978) herausgefunden, daß von den Schülern, die oft Grundschule und höhere Schule geschwänzt haben, 75 Prozent ihre Schulausbildung nicht abgeschlossen haben. Eine nichtabgeschlossene Schulausbildung widerrum wird in Verbindung gebracht mit verringerten Verdienstmöglichkeiten als Erwachsener und limitierten allgemeinen Möglichkeiten.

Welches sind die Gründe der Nichtteilnahme am Unterricht?
Bevor die wirksamsten Mittel zur Kontrolle unentschuldigter Abwesenheiten gefunden werden können, müssen erst die Gründe für das Fernbleiben vom Unterricht verstanden werden. Die Gründe könnten nicht nur von Individuum zu Individuum unterschiedlich sein, auch könnten Schulpesonal und Schüler über die zugrunde liegenden Ursachen geteilter Meinung sein. Auch wenn viele Lehrer einfühlsam und willens zu helfen wären, könnte dieser Meinungsunterschied eine Verständigungsbarriere zwischen Lehrern und Schülern bilden.

In einer Umfrage haben Schüler als Hauptgründe für ihr Fernbleiben vom Unterricht Langeweile, den Verlust des Interesses an der Schule, unwichtige Fächer, Ausschlüsse vom Unterricht und ein schlechtes Verhältnis zu den Lehrern angegeben. Auf der anderen Seite glaubte die Mehrheit des Schulpersonals, daß Fernbleiben vom Unterricht hauptsächlich auf familiäre Probleme des Schülers sowie auf Probleme mit Mitschülern zurückzuführen ist (ERIC/eric und Linn-Benton Education Service District 1992).

Existieren Richtlinien für das Erstellen von wirksamen Anwesenheitspolitiken?
Die Nationale Vereinigung der Schuldirektoren Weiterführender Schulen spricht einige Empfehlungen für wirksame Anwesenheitspolitiken aus:

Anwesenheitspolitiken sollten gut durchdacht sein. Schulen, die Zeit und Mühe in die Lösung des Problems investieren, kommen am weitesten.
Die Formulierungen der Anwesenheitspolitiken sollten von einer breiten Basis getragen werden.
Erwartungen zur Anwesenheit, sowie die Konsequenzen bei Erfüllung oder Nichterfüllung der Erwartungen, sollten schriftlich niedergelegt sein.
Anwesenheitspolitiken sollten mit Nachdruck bekanntgemacht werden
Anwesenheitspolitiken sollten konsequent auf allen Ebenen durchgesetzt werden; verantwortlich dafür sind Lehrer, Berater und Schuldirektoren
Abwesenheiten sollten telefonisch oder schriftlich ermittelt werden (zitiert in Bartlett und anderen 1978).
Lösungen können in vier Kategorien unterteilt werden: Strenge Gesetze und Vorschriften, schulinterne Programme, Computertechnologie und Gesellschaftslösungen (Gullatt und Lemoine 1997). Jede dieser Lösungen basiert auf unterschiedlichen Problemen und deshalb sollten genau festgelegte Kategorien oder eine Kombination von Lösungen bei der Erstellung von Anwesenheitspolitiken zur Anwendung kommen.

Welche drastischen Maßnahmen sind vorstellbar, um das Problem des unentschuldigten Fernbleibens vom Unterricht zu lösen?
Viele Schulbezirke wählen einen Konfrontationskurs, um die Anzahl unentschuldigter Abwesenheiten zu verringern. Dieser Ansatz wird normalerweise gewählt, um der Entwicklung vom Schulschwänzer zum Kriminellen entgegenzuwirken. Durch das Auferlegen von Strafen auf Eltern und auf die Schüler selber, werden die Kinder davon abgeschreckt, die Schule zu schwänzen.

Im Landkreis Tulsa, Oklahoma, wenden sechzehn Schulbezirke die unterschiedlichsten Methoden an, um die Anzahl unentschuldigter Abwesenheiten zu verringern. Jedoch ist keine Methode so erfolgreich wie jene, die Schulschwänzer (und deren Eltern) vor Gericht bringt. Poizeibeamte ermitteln als „Familienbeauftragte" Fälle von unentschuldigten Abwesenheiten. Schon drei Jahre nach Einführung dieser Politik waren 600 Fälle verhandelt worden und 300 Schuldsprüche sind ergangen, die Eltern zu Geldstrafen und zur Teilnahme an Beratungsprogrammen verurteilten. Hunderte von Kindern sind wieder in der Schule und der Landkreis hat einen 45 prozentigen Rückgang der ungewünschten Schulabgänge im Schulbezirk zu verbuchen. Die Schulbezirke waren in der Lage, diese Politik ohne Kostenmehraufwand für die Schulen einzuführen, da die Distrikte wegen im Durchschnitt höherer täglicher Anwesenheitsraten der Schüler mehr Geld zur Verfügung gestellt bekamen (Wilson 1993).

Viele Staaten erlauben oder verlangen, daß Schulsysteme Schülerleistungen nicht nur nach Qualität und Quantität bewerten, sondern auch andere Aspekte in die Bewertung mit einbeziehen. Diese Schulen könnten die Befugnis haben, einem Schüler eine „sechs" für Hausaufgaben zu geben, die er an einem Tag aufbekommen hat, an dem er unentschuldigt abwesend war. Ein komplettes Unterrichtsfach könnte als nicht bestanden gewertet werden, wenn der Schüler den Unterricht für eine vorher festgelegte Anzahl von Tagen versäumt; die Anzahl der Tage variiert zwischen 5 und 20 und ist abhängig von der jeweiligen Schule.

Für das Schuljahr 1982-83 führte die Unabhängige Schule Austin (Texas) eine Politik ein, die nur 10 Abwesenheiten pro Halbjahr erlaubte (entschuldigt oder unentschuldigt), bevor Unterrichtsfächer als nicht bestanden gewertet wurden. In jenem Jahr schoß die Anwesenheitsrate auf 93.5 Prozent hoch (Gullatt und Lemoine).

Kann man unentschuldigtes Fernbleiben durch schulinterneMaßnahmen in den Griff bekommen?
Ja, unbedingt. Schüler haben einen unleugbaren Einfluß auf die Entscheidung von Mitschülern, den Unterricht zu schwänzen. Eine Studie zeigt, daß 84 Prozent aller befragten Schüler, die die Schule schwänzen, angegeben haben, daß ihre Freunde dem Unterricht fernbleiben. Programme zur Reduzierung der Schulabwesenheitsraten, die Schulschwänzer mit anderen Mitschülergruppen zusammenbringen, sowie andere Methoden der gegenseitigen Beeinflussung, könnten Wirkung zeigen.

Außerschulische Sportaktivitäten oder andere Programme auf dem Schulgelände geben Schülern die Gelegenheit, neue Freunde zu finden, eine positive Umgebung zu erleben und ein Erfolgesgefühl zu haben, das widerrum die Wahrscheinlichkeit des Fernbleibens vom Unterricht reduziert.

Auch das Lernumfeld ist eine wichtige Voraussetzung für die Anwesenheit der Schüler. Lehrer müssen pünktlich zum Unterricht erscheinen, Schüler häufig loben, die ganze Klasse mit in den Unterricht einbeziehen (vorzugsweise durch das Stellen offener Fragen), mündliche Verweise auf ein Minimum reduzieren und Konkurrenz im Klassenzimmer vemeiden (Rohrman 1993).

Eine weiterführende Schule in Kentucky "verlangt" von ihren Lehren, mittelmäßige Schüler zu loben und ihnen Möglichkeiten für ein tägliches Erfolgserlebnis zu geben (Rohrmann).

Das Osiris Schulverwaltungsprogramm, ein Softwarepaket, das Verwaltern die Möglichkeit bietet, detaillierte Schülerdaten auf dem aktuellen Stand zu halten, wird landesweit eingeführt. Das Programm benachrichtigt täglich die Eltern abwesender Schüler. Nach der fünften und neunten Abwesenheit werden warnende Telefonanrufe getätigt und machinell erstellte Nachrichten an die Eltern geschickt, was einer Gesamtanzahl von dreizehn Benachrichtigungen entspricht. Die Anzahl der Benachrichtigungen kann geändert werden, um sie staatlichen oder örtlichen Anwesenheitspolitiken anzupassen (Gullatt und Lemoine).

Wie kann die Gesellschaft mit einbezogen werden?
Umfangreiche Berufserforschung und damit verbundene Berufsinformationen vor und während des Besuchs von weiterführenden Schulen sind wichtig, um Lehrziele zu entwickeln und Zeitrahmen zur Erreichung dieser Lehrziele zu setzen. Die Herausstellung des Zusammenhanges zwischen Berufsmöglichkeiten und persönlichen Interessen erleichtert den Übergang von der Schule zur Arbeitswelt.

Das Peninsula Academies Programm an der Menlo-Atherton höheren Schule und der Sequoia höheren Schule in Kalifornien bringt Schüler mit freiwilligen Beratern von Firmen zusammen, deren Berufsangebot mit den Berufsinteressen der Schüler übereinstimmt. Die Berater führen die Schüler in die Arbeitswelt ein und helfen Eltern, Berufsziele mit ihren Kindern zu formulieren. Schüler beginnen mit dem Programm in der zehnten Klasse und erhalten eine dreijährige Computer- oder Elektronikausbildung. Der Lehrplan ist stark praxisorientiert und garantiert den Schülern eine Arbeitsstelle nach erfolgreichem Abschluß des Programmes (Nazlor 1987).

Eine andere Methode zur Einbeziehung der Gesellschaft ist das „In der Schule, Pünktlich, Bereit zur Arbeit" Programm, das in Kansas eingeführt wurde. Schüler unter sechszehn Jahren die nicht zum Unterricht errscheinen, werden dem Staatsanwalt gemeldet. Dieser lädt sie ein, einen Vertrag für ein Neunzig-Tage Programm zu unterschreiben, das folgendes beinhaltet: einen Aufseher, der die Teilnahme des Schülers am Unterricht bestätigt und sich mehrere Male pro Woche mit dem Schüler trifft; eine Unterstützungsgruppe und Therapieverfahren, die den Aufbau von Selbstachtung und Selbstsicherheit lehren; sowie Unterstützung und Erziehungshilfen für die Eltern der Schüler, die sich auf wirksame Erziehungsmethoden und die Wichtigkeit der Schulausbildung konzentrieren (Garry).

Das Problem, daß Schüler dem Unterricht fernbleiben, wird niemals vollständig gelöst werden. Einige Schüler kommen bereitwillig zur Schule, andere widerum nicht, wofür oftmals negative Umstände und Einflüsse in ihrem Leben verantwortlich sind. Um diese Schüler gilt es sich kümmern, da eine regelmäßige Teilnahme am Unterricht den Unterschied zwischen einem Leben mit Sorgen und einem erfüllten Leben ausmachen kann. Mit der Einbeziehung dieser Lebensumstände in eine funktionierende Schulanwesenheitspolitik, können Lehrer und Verwalter Schülern eine viel bessere Möglichkeit geben, erfolgreich zu sein.

Resources
Bartlett, Larry, and others. "Absences. A Model Policy and Rule." Iowa State Department of Public Instruction, Des Moines, September 1978. ED 162 433.

ERIC Clearinghouse on Educational Management and Linn-Benton Education Service District. At-Risk Youth in Crisis: A Handbook for Collaboration Between Schools and Social Services. Volume 5:

Attendance Services. Eugene, OR: Author, July 1992. 60 pages. ED 347 621.
Garry, Eileen. Truancy: First Step to a Lifetime of Problems. Washington, DC: Office of Juvenile Justice and Delinquency Prevention, October 1996. ED 408 666.

Gullatt, David E., and Dwayne A. Lemoine. "Truancy: What's a Principal to Do?" American Secondary Education 1 (September 1997): 7-12. EJ 527 489.

Ingersoll, Sarah, and Donni LeBoeuf. "Reaching Out to Youth Out of the Educational Mainstream." Washington, DC: Office of Juvenile Justice and Delinquency Prevention, February 1997.

Naylor, Michele. Reducing the Dropout Rate through Career and Vocational Education. Overview. ERIC Digest Series. Columbus, Ohio: Clearinghouse on Adult, Career, and Vocational Education, 1987. ED 282 094.

Robins, Lee, and Kathryn Ratcliff. Long Range Outcomes Associated with School Truancy. Washington, DC: Public Health Service, 1978. 35 pages. ED 152 893.

Rohrman, Doug. "Combating Truancy in Our Schools: A Community Effort." NASSP Bulletin 76 (January 1993): 40-45. EJ 457 251.

Wilson, Kara Gae. "Tough on Truants." The American School Board Journal 180 (April 1993): 43, 46. EJ 461 151.


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